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Historikerstreit oder moralisierendes Beschweigen?

Das Vorwort zur zweiten Auflage der "vereinten Entfesselung des Zweiten Weltkriegs:

Dieses Buch wird entweder zu einem neuen Historikerstreit führen oder es wird totgeschwiegen, stand im Rheinischen Merkur während der Frankfurter Buchmesse 2003 zu lesen. Für eine abschließende Bewertung dieser Prophezeiung ist es ein Jahr nach Erscheinen noch zu früh, aber die Neuauflage gibt nun Gelegenheit für eine erste Abschätzung und einen Rückblick. Bereits der Anlaß spricht in jedem Fall gegen die Ansicht, das Buch sei totgeschwiegen worden. Es ist nicht selbstverständlich, wenn Fachbücher in derart kurzer Zeit eine Neuauflage erleben. Was den möglichen Historikerstreit betrifft, so entzündete er sich in den ersten Reaktionen, kaum überraschend, vorwiegend an der Frage der Moral. Die Feststellung, hier sei der "germanozentrische Trend" der Zeitgeschichtsforschung aufgebrochen worden, führte gelegentlich zu Ablehnung und zum Vorwurf der "Exkulpation Hitlers". (Prof. Hans-Adolf Jacobsen in der FAZ am 8. August 2003) Andere Rezensenten haben den Ansatz jedoch explizit gewürdigt:

"Im Falle des Zweiten Weltkrieges versperrt noch immer die schiere Größe der Verbrechen an ganzen Bevölkerungen den Blick auf eine daneben zweitklassig erscheinende Suche nach praktischen Fehlern der Lagebeurteilung und Entschlußfassung in den verschiedenen Regierungen. Doch wenn es sich verbietet, die verschiedenen Staatsverbrechen der "Massenvernichtung" aufzurechnen, dann sollte es auch möglich sein, Untersuchungen über die politischen Fehler der an der Entstehung und danach an der Entfaltung des Zweiten Weltkrieges mitwirkenden Regierungen methodisch von moralischen Beurteilungen zu trennen." (Prof. Günther Gillessen in der JF am 7. Juli 2003)

Darum geht es in der Tat. Ich habe in "Fünf plus Zwei" und "Logik der Mächte" die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs und den Ablauf seiner Eskalation auf Basis der allgemein anerkannten Quellen nachgezeichnet. Man könnte dies und den in Arbeit befindlichen dritten Band über die Diplomatie der Jahre 1940/41 als Teil einer "Geschichte der Macht in Europa" kennzeichnen, als Essay über den historischen Ort des Zweiten Weltkriegs im Rahmen eines Prozesses, den man als Globalisierung von Machtpolitik sehen kann und der zu einem für jeden sichtbaren Machtverlust der europäischen Staaten geführt hat. Dabei habe ich allen Akteuren die Fähigkeit zu rationalem Handeln zugebilligt und unter anderem "Hitler beim Wort genommen", wie ein Rezensent zu recht meinte. (Klaus-Jochen Arnold in H-Soz-Kult am 14. Januar 2004) Insbesondere habe ich in einem längeren Kapitel die Wandlungen in dessen Zukunftsvorstellungen zwischen 'Mein Kampf' und dem 'Hoßbach-Protokoll' beschrieben, die für das Verständnis der deutschen Politik seit 1938 entscheidend sind. (Vgl. Stefan Scheil, Logik der Mächte, S. 117 ff.) Beim Wort genommen wurden aber auch jener polnische Botschafter, der deutsche Verhandlungsvorschläge ungelesen beiseite legte und vom bevorstehenden Marsch polnischer Truppen auf Berlin sprach und viele andere. Dies ist ungewöhnlich, da die historischen Darstellungen wie die damalige Wahrnehmung sich bisher sehr auf Deutschland fixiert zeigten und zeigen. Mir scheint für die Forschung über den Zweiten Weltkrieg immer noch, wenn nicht sogar zunehmend, zu gelten, was Carl J. Burckhardt in den 1920er Jahren geradezu prophetisch an Hugo von Hofmansthal geschrieben hat

"Alles starrt immer auf Deutschland, als ob alle Entscheidung von dort kommen würde, alle Gefahr dort ihren Ursprung habe, hinter diesem faszinierenden, Schrecken, Zorn oder Anbiederungsversuche auslösenden Phänomen Deutschland wird man nicht gewahr, was hinter dem Vorhang der deutschen Grenzen gespielt wird. ...

Man starrt fasziniert auf dieses kleine Mitteleuropa, reizt die am tiefsten durch den Kriegsausgang enttäuschten Deutschen, die längst keine Großmacht mehr sind, wenn sie überhaupt jemals eine waren, man reizt sie durch Mißtrauen und mesquine Behandlung, bis all ihr Drang zum Übertreiben, zum Durchschlagen, zum harten Ende wieder losbrechen wird. Dabei wäre es so leicht, die jetzigen gemäßigten Regierungen dieses Landes durch generöses Entgegenkommen zu kräftigen. Aber man kompromittiert sie, eine nach der anderen wird man innenpolitisch unmöglich machen, bis dann nur noch der blinde Zorn und die jeder Demagogie zugängliche deutsche Urteilslosigkeit übrig sind und einen Rausch bewirken, den dann der Westen für die Weltgefahr an sich, für eine äußerste Bedrohung halten wird." (Carl J. Burckhardt an Hugo von Hofmannsthal, 12. November 1925)

Was dann ausgebrochen ist, war meines Erachtens nicht der blinde Zorn in Deutschland, sondern der vergebliche Versuch, noch einmal, aufgerüstet mit nationalistischen wie sozialistischen Ideologiemerkmalen, als "Großmacht" zu agieren. Als zutreffend jedoch erwies sich Burckhardts Prognose über die Fixierung der Westmächte auf Deutschland und ihre Blindheit für Ziele und Strategien der Staaten östlich davon, besonders eben Polens und Rußlands, zugleich aber auch ihre damit verbundene weitgehende Unfähigkeit, die Praxis der eigenen Machtentfaltung inklusive der damit verbundenen völkerrechtlich fragwürdigen Praktiken zu hinterfragen. In diesem Sinn stand 1939/40 nicht nur Hitler und dessen Vertrauenswürdigkeit im Zentrum der Probleme, sondern nicht weniger die Politikfähigkeit der Westmächte und ihre fehlende Bereitschaft, damalige Realitäten wie die stalinistische Aggressionspolitik in Rechnung zu stellen.

Was ich zeigen wollte, ist einerseits eine Utopie über das, "was hätte sein können". Daneben habe ich eine Dokumentation der prinzipiell offenen Zukunft des Jahres 1939 und der Ungewissheit über die gegnerischen Absichten und Stärken angestrebt, mit der sich die Akteure konfrontiert sahen. Es ging mir dabei vorwiegend darum, die Entscheidungssituationen von 1939 nicht von späteren Ereignissen etwa der Jahre 1942/43 her konstruieren zu wollen, wie dies stets geschieht, wenn beispielsweise die deutsche Besatzungspolitik in Polen als Argument gegen den Ernst der deutschen Grenzgarantien von 1938/39 ausgespielt wird. Ich habe Wert darauf gelegt, die Ereignisse streng an dem damaligen "Zeitstrahl" entlang darzustellen und dabei stets im Auge zu behalten, wer wann was wußte bzw. wissen konnte. Dazu war es nötig, sich von vielen tradierten Vorstellungen zu lösen, um - wie ich denke - einen neuen Weg zu betreten. Es ist erfreulich, daß er auf soviel Resonanz stößt.

 

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