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Die Auseinandersetzung um "Fünf plus Zwei"

Ein Kommentar zur jüngsten Attacke durch Prof. Werner Röhr

Wer zu einer Erkenntnis gekommen ist, dem kann man stets gratulieren. Werner Röhr nun hat erkannt, daß "Fünf plus Zwei" sich im wesentlichen auf Sekundärliteratur, Memoiren und gedruckte bzw. veröffentlichte Quellen stützt. Chapeau! Daraus zieht er den Schluß, dies sei dürftig und hebt auf dieser Basis zur Kritik an. Leider geht dies ins Leere. Es ist schlicht der intendierte Effekt selbst, den er hier zu entlarven sucht. Ich habe bei der Analyse ALLE Quellen berücksichtigt, die in der Literatur seit langem eine herausragende Rolle spielen, um die Ansicht zu begründen, der Krieg von 1939 sei nach konventioneller Meinung durch Deutschland allein entfesselt worden. "Fünf plus Zwei" ist nicht zuletzt geschrieben, um die Paradigmen dieser Literatur zu hinterfragen und zu untersuchen, ob sich - vorurteilsfrei gelesen - aus den bekannten und im Lauf der Jahrzehnte neu erschlossenen Quellen überhaupt ergibt, was üblicherweise aus ihnen herausgelesen wird. Warum es sich nicht ergibt, habe ich dargelegt. Es mag sein, daß dabei die Literatur aus "sozialistischen Ländern" weniger berücksichtigt wurde. Die Auslassungen, Verdrehungen und Verfälschungen der Apologeten des realen Sozialismus und der damaligen Stalinschen Politik richtig zu stellen, hätte ein eigenes Buch erfordert.

Im weiteren strotzt die Besprechung von Fehlern und Unterstellungen. Unzutreffend ist, von mir seien der UdSSR und Polen "besonders infame" Rollen zugewiesen worden. Wenn Röhr diesen Eindruck gewonnen hat, sitzt er seinen eigenen Vorurteilen auf. Es mag zweifellos infam gewesen sein, als ein Massenmörder wie Stalin Anfang September 1939 händereibend die Aussicht begrüßt hat, Hitler zerstöre "ohne es zu wissen und zu wollen" das kapitalistische System und "wir können manövrieren" bzw. "die andere Seite aufhetzen". Nirgendwo habe ich jedoch die Ansicht vertreten, dies sei zu dieser Zeit in der internationalen Politik etwas völlig unübliches gewesen. Im Gegenteil spricht bereits der Titel "vereinte Entfesselung" an, daß es im Text um eine Analyse der Fehler und der aggressiven Dispositionen auf allen Seiten geht.

Falsch ist im weiteren die Behauptung, ich stütze mich lediglich auf polnische Memoirenschreiber. Richtig ist vielmehr, daß ich Publikationen aus dem polnischen Generalstab ausgewertet habe, der sonstigen Publizistik, die diplomatischen Aktionen der polnischen Diplomatie vor 1938/39, die zeitgenössisch überlieferten Äußerungen des polnischen Außenministers und anderes mehr. Der Befund ist eindeutig: Von einem "Überfall" auf ein Land, dessen politische und militärische Führung zuversichtlich damit gerechnet hat, 1939 auf Berlin marschieren zu können und dessen Berliner Botschafter vor diesem Hintergrund jedwede Verhandlung ausdrücklich zurückgewiesen hat, kann sinnvollerweise nicht gesprochen werden.

Geradezu grotesk ist die Behauptung, ich "vermeide es, auf kontrastierende Taten" Hitlers zu blicken. Im Gegenteil ist im Text jedes der im Nürnberger Prozeß vorgelegten Schlüsseldokumente berücksichtigt und nach seinem Inhalt und seiner Beziehung zu vorherigen und nachfolgenden Taten Hitlers abgeklopft worden. Röhr moniert schließlich, ich hätte Danzig als deutsches Kriegsziel bezeichnet. Im Text bleibt jedoch kein Zweifel, daß der Streit um Danzig vor allem ein Symbol für die zerrütteten deutsch-polnischen Beziehungen war. Bedauerlicherweise bleibt die deutsche Geschichtswissenschaft in ihrer Ignoranz konsequent, die sie gegenüber zahlreichen Äußerungen Hitlers aufweist, die tatsächlich Danzig als materielles politisches Ziel nennen und den darauf basierenden deutschen Angeboten an Polen, die konkrete "Taten" zur Verwirklichung dieses Ziels darstellten.

Röhr folgt zuletzt leider einigen üblich gewordenen Phantasien der hergebrachten Geschichtsdeutung, wenn er die von Polen zuerst nicht zur Kenntnis genommenen und dann zurückgewiesenen 16 Punkte in völliger Umkehrung der Zusammenhänge als bereits abgelaufenes deutsches "Alibi" bezeichnet. Es war der polnische Botschafter, der erklärte, sich nicht für solche Angebote interessieren zu müssen, als sie ihm durch den Vermittler Dahlerus und einen Repräsentanten der englischen Botschaft in Berlin übergeben werden sollten. Haarsträubend wird es dann, wenn Röhr die polnische Kriegsdrohung vom 10. August 1939, die wegen eines Briefes der deutschen Regierung nach Warschau gegeben wurde, mit der Aufrüstung in Danzig erklären will. Daß er abschließend noch eine umfassendere Darstellung von Becks Politik des "Intermarium" vermißt, zeigt lediglich, daß ihm der Vorgängerband "Logik der Mächte" nicht bekannt zu sein scheint, in dem dies ausführlicher dargestellt ist. In einem Nebensatz räumt er den polnischen Machtanspruch für ganz Ostmitteleuropa ein. Ein Wort zum weiteren polnischen Anspruch auf Kolonien in Übersee und zur geplanten Austreibung der jüdischen Bevölkerung durch die polnische Regierung fällt ihm dagegen nicht ein. Insgesamt zeigt diese Besprechung einmal mehr, wie dringend nötig ein Buch wie "Fünf plus Zwei" gewesen ist.

Die Besprechung von Prof. Werner Röhr finden Sie beim Nachrichtendienst für Historiker http://www.nfhdata.de/premium/newsboard2/dcboard.php?az=show_mesg&forum=112&topic_id=20&mesg_id=144&page=

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: BULLETIN für Faschismus-und Weltkriegsforschung. Wissenschaftliche Halbjahresschrift. Herausgegeben von Werner Röhr in Verbindung mit der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung. H.24 (2005), S.105ff. - Die Zeitschrift wird beim NFH-Forum Hinweise/Bücher vorgestellt. Der direkte Link ist:
http://www.nfhdata.de/premium/newsboard2/dcboard.php?az=show_mesg&forum=112&topic_id=143&mesg_id=143&page=