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Internetforum von Dr. Stefan Scheil

Die Auseinandersetzung um "Fünf plus Zwei"

Günter Gillessen in der "Jungen Freiheit" vom 11.7.2003

Hans-Adolf Jacobsen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 8.8.2003

Dag Krienen in der Sezession, Heft 2

Horst Teske "Europa Blätter", 12. August 2003

Hans Krump in der "Märkischen Oderzeitung" 1./2.11.2003

Otto Wenzel in der "Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat" (17/2005)

Manfred Müller in "Nation Europa" 6/2005

Klaus-Jochen Arnold in "H-Soz-Kult" am 13. Januar 2004 

Dr. Klaus W. Wippermann in der "Jungen Freiheit" vom 19./26. Dezember 2003

Heinz Hürten in der "Militärgeschichtlichen Zeitschrift" 63 (2004)

Walter Rösch in der "Zeitschrift für Politikwissenschaft" 4/05

Besprechung durch Professor Dr. E. Dauenhauer (3. Dezember  2004)

"Die Geschichte um den Zweiten Weltkrieg wird man um der ganzen historischen Wahrheit willen in großen Teilen umschreiben müssen."

Bis heute wirkt die Tendenz der germanophoben Zeitgeschichtsbetrachtung des 20. Jhs. nach, die von konkurrierenden Nationalstaaten und den beiden Großmächten USA und UdSSR gepflegt wurde und teilweise immer noch in England, Polen und in den USA gepflegt wird. NS-Stoffe sind seit Jahrzehnten bevorzugte Film- und Medienthemen, und erst jüngst gestanden englische Lehrer ein, daß das Deutschlandbild ihrer Schüler unverändert nazigeprägt sei. Die jeweiligen Sieger schreiben bekanntlich die Geschichte und stellen sie regelhaft unter eine faktenselektive Perspektive. Nach Gernot Böhme ist eine einmal verfestigte Prägung durch objektive Fakten nachträglich schwerlich zu korrigieren, denn »Umthematisierung« (Böhme), d.h. eine objektive Sicht, geschieht auf der Sprachebene, die widerständig und träge ist, weil die eingetretene semantische Einfärbung der Wörter und Wendungen kaum mehr umzufärben ist. Mit der in Britannien geläufigen Hunnenbezeichnung für Deutsche z.B. wird irreparabel etwas Barbarisches konnotiert, und beim Stichwort ›Zweiter Weltkrieg‹ ist für fast alle Franzosen, Engländer, Polen, Russen, Amerikaner, kurz: für fast alle Welt ausgemacht, daß Deutschland dafür die Alleinschuld trifft.
Dagegen wendet sich Scheils gut dokumentiertes Buch, das schon im Untertitel Zweifel an der gängigen einseitigen Schuldthese anmeldet (»die vereinte [!] Entfesselung des Zweiten Weltkriegs«). Wer oder was hat sich demnach vereint, um den Zweiten Weltkrieg zu entfesseln? Schon diese Fragestellung wird als Infragestellung, zumindest als Relativierung der faschistischen Verantwortung gewertet, wie der Autor im Vorwort zur 2. Auflage zu berichten weiß. Doch Scheil läßt sich von den Fakten nicht abbringen, die belegen, daß der Krieg nur im Rahmen der langfristigen Hegemonialstrategie der beiden Weltmächte USA und UdSSR angemessen zu interpretieren ist. Beide Großmächte stellten die Souveränität der nationalen Mittelmächte Europas infrage und ließen ihnen »nur noch die Wahl..., wohin sie Teile ihrer Souveränität abgeben sollten: entweder nach innen, durch Zusammenarbeit untereinander, oder nach außen, durch Akzeptanz einer Hegemonie von einer oder beiden Weltmächten« (40). Dieses Ziel, nämlich Europa in zwei Einflußzonen (der USA und UdSSR) aufzuteilen, wurde denn auch unter unsäglichen Opfern, territorialen Verwerfungen und Identitätsschäden erreicht. Erst mit der Europäischen Union wird die Hegemonialpolitik der Klammermächte zurückzudrängen versucht, was die überstürzten EU-Erweiterungen erklärlich und zugleich ein Scheitern wahrscheinlicher macht. Denn die innere Stabilität und militärische Macht der EU sind mit denjenigen der beiden alten Weltmächte nicht vergleichbar. Mitursächlich dafür sind immer noch die Folgen des Zweiten Weltkriegs, der ein demokratisches und wirtschaftliches Gefälle bis in die Gegenwart hinterlassen hat. Wer die instabile europäische Gegenwart verstehen will, muß also das »Spiel der Mächte« im 20. Jh. kennen, und dafür liefert Scheil eine Mustervorlage für die überfällige Neubewertung der historischen Ereignisse.

Die rassistischen und expansiven Wahnideen der Nazis können nicht länger davon ablenken, daß Deutschland sich in die Enge getrieben sah (nicht nur durch ›Versailles‹), allerdings selbst dazu beitrug. Nachdem sich die Lage bis 1939 zugespitzt hatte, erwies sie sich mit Kriegsbeginn als unheilbar verhängnisvoll: »Da Deutschland den Krieg weder einseitig beenden noch langfristig durchstehen konnte, war eine Eskalation der Kämpfe in der Hoffnung auf eine politische Erschütterung des Gegners durch militärische Erfolge die einzig mögliche Strategie. Die militärische Expansion Deutschlands war das Ergebnis seiner strategischen Schwäche. Dessen waren sich beide Seiten bewußt: Hitler ganz deutlich in seiner Denkschrift vom 9. Oktober 1939, wo er den ›Erfolg‹ als ›einzigen Verbündeten‹ Deutschlands bezeichnete. Für die Westmächte galt dies schon seit ihren gemeinsamen Generalstabsbesprechungen von April 1939, wo jener Plan für einen langen und allmählich eskalierenden Krieg gegen Deutschland gefaßt worden war, der nach dem Kriegsausbruch schrittweise verwirklicht wurde« (42; Hervorhebung: E.D.).

Der Leser staunt nicht schlecht über die Fülle bisher weitgehend verschwiegener oder abgedrängter Dokumente. So äußerte der polnische General und Kriegsminister Kasprzycki noch im Mai 1939: »Wir gedenken einen Bewegungskrieg zu führen und gleich bei Beginn der Operationen in Deutschland einzufallen« (44). Auch der polnische Botschafter in Paris, Lukasiewicz, prahlte zur gleichen Zeit: »Die polnische Armee wird vom ersten Tag an nach Deutschland eindringen.«

Carl J. Burckhardt hatte bereits 1920 in einem Brief an Hugo von Hofmannsthal die Lage hellsichtig beschrieben: »Alles starrt immer auf Deutschland, als ob alle Entscheidung von dort kommen würde, alle Gefahr dort ihren Ursprung habe, hinter diesem faszinierenden, Schrecken, Zorn oder Anbiederungsversuche auslösenden Phänomen Deutschland wird man nicht gewahr, was hinter dem Vorhang der deutschen Grenzen gespielt wird...   Man starrt fasziniert auf dieses kleine Mitteleuropa, reizt die am tiefsten durch den Kriegsausgang enttäuschten Deutschen, die längst keine Großmacht mehr sind, wenn sie überhaupt jemals eine waren, man reizt sie durch Mißtrauen und mesquine Behandlung, bis all ihr Drang zum Übertreiben, zum Durchschlagen, zum harten Ende wieder losbrechen wird. Dabei wäre es so leicht, die jetzigen gemäßigten Regierungen dieses Landes durch generöses Entgegenkommen zu kräftigen. Aber man kompromittiert sie, eine nach der anderen wird man innenpolitisch unmöglich machen, bis dann nur noch der blinde Zorn und die jeder Demagogie zugängliche deutsche Urteilslosigkeit übrig sind und einen Rausch bewirken, den dann der Westen für die Weltgefahr an sich, für eine äußerste Bedrohung halten wird...« (4; Hervorhebung: E.D.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Carl J. Burckhardt hatte bereits 1920 in einem Brief an Hugo von Hofmannsthal die Lage hellsichtig beschrieben: »Alles starrt immer auf Deutschland, als ob alle Entscheidung von dort kommen würde, alle Gefahr dort ihren Ursprung habe, hinter diesem faszinierenden, Schrecken, Zorn oder Anbiederungsversuche auslösenden Phänomen Deutschland wird man nicht gewahr, was hinter dem Vorhang der deutschen Grenzen gespielt wird...   Man starrt fasziniert auf dieses kleine Mitteleuropa, reizt die am tiefsten durch den Kriegsausgang enttäuschten Deutschen, die längst keine Großmacht mehr sind, wenn sie überhaupt jemals eine waren, man reizt sie durch Mißtrauen und mesquine Behandlung, bis all ihr Drang zum Übertreiben, zum Durchschlagen, zum harten Ende wieder losbrechen wird. Dabei wäre es so leicht, die jetzigen gemäßigten Regierungen dieses Landes durch generöses Entgegenkommen zu kräftigen. Aber man kompromittiert sie, eine nach der anderen wird man innenpolitisch unmöglich machen, bis dann nur noch der blinde Zorn und die jeder Demagogie zugängliche deutsche Urteilslosigkeit übrig sind und einen Rausch bewirken, den dann der Westen für die Weltgefahr an sich, für eine äußerste Bedrohung halten wird...« (4; Hervorhebung: E.D.). 
Scheil versucht eine Neuperspektivierung in acht großen Kapiteln. Es beginnt mit der Hegemonialpolitik der beiden Weltmächte, die bezeichnenderweise am Kriegsbeginn nicht beteiligt waren. Die Selbstüberschätzung Polens ist Inhalt des zweiten Kapitels, das die über Jahrzehnte gepflegte Opferrolle relativiert. Vorgeschichte und Kriegsbeginn werden im dritten Kapitel vorgestellt, gefolgt von den Vorschlägen und Plänen im September und Oktober 1939. ›Skandinavien und die Großmächte‹, die ›Sumner-Welles-Reise‹ sowie ›Skandinavien (II)‹ bilden den Abschluß. Was die eingefahrene Geschichtsschreibung an Scheil mißfällt, ist seine Prämisse, daß alle Seiten rational handelten, Hitler also beim Wort genommen wird und »nicht der blinde Zorn in Deutschland« für den »vergeblichen Versuch« verantwortlich zu machen ist, »noch einmal, aufgerüstet mit nationalistischen wie sozialistischen Ideologiemerkmalen, als ›Großmacht‹ zu agieren. Als zutreffend jedoch erwies sich Burckhardts Prognose über die Fixierung der Westmächte auf Deutschland und ihre Blindheit für Ziele und Strategien der Staaten östlich davon, besonders eben Polens und Rußlands, zugleich aber auch ihre damit verbundene weitgehende Unfähigkeit, die Praxis der eigenen Machtentfaltung inklusive der damit verbundenen völkerrechtlich fragwürdigen Praktiken zu hinterfragen. In diesem Sinn stand 1939/40 nicht nur Hitler und dessen Vertrauenswürdigkeit im Zentrum der Probleme, sondern nicht weniger die Politikfähigkeit der Westmächte und ihre fehlende Bereitschaft, damalige Realitäten wie die stalinistische Aggressionspolitik in Rechnung zu stellen« (4; Hervorhebung: E.D.)

Wenn ein polnischer Botschafter großmannsüchtig deutsche Verhandlungsvorschläge ungelesen zu den Akten nahm, darf man mit Scheil durchaus von einer »prinzipiell offenen Zukunft des Jahres 1939« sprechen und die gesamten Ereignisse unter der »Globalisierung der Machtpolitik« der beiden Großmächte sehen. Hitler wird dadurch nicht exkulpiert, vielmehr als dämonisches Werkzeug zur Entmachtung Europas und besonders Deutschlands bewertet. Für Scheil liefen die Ereignisse keineswegs zwangsläufig auf den Kriegsausbruch zu. Das »deutsche Raumproblem inmitten Europas« hätten die Nazis mit dem Anschluß Österreichs und »des deutsch-tschechischen Westens«  »für mindestens zwanzig Jahre« als gelöst gehalten. »Folglich brauchte Hitler den Krieg im Jahr 1939 nicht zu ›entfesseln‹ und hat dies auch nicht getan, sondern verstrickte sich gemeinsam mit der polnischen, britischen und französischen Regierung im Netz der Wünsche, Intrigen und Notwendigkeiten, wie sie sich aus dem Anspruch auf souveräne Machtpolitik ergaben. Letzten Endes zogen die Beteiligten zur Wahrung dieser Fiktion in den Krieg, der deshalb, wie bereits gesagt, zu recht als ›Last European War‹ bezeichnet worden ist« (37). Diese Verstrickungen aller Seiten werden in dem Buch sorgfältig nachgezeichnet und unterlaufen die bequeme »Behauptung, er (der Zweite Weltkrieg) sei von Adolf Hitler langfristig geplant und gezielt entfesselt worden« (495; Hervorhebung: E.D.). Die Rivalitäten der europäischen Nationalstaaten schwächte Europa und begünstigte die beiden ›Profiteure‹ USA und UdSSR, wobei letztere »auf dem Umweg über einen großen Krieg« die marxistische Ideologie leichter zu exportieren hoffte. Schon 1929 (!) ging Stalin von einem »bald bevorstehenden imperialistischen Krieg« aus und betrieb seither eine »industrielle Kriegswirtschaft«. »Stalin förderte den Kriegsausbruch im Sommer 1939, er begrüßte ihn dann im September wie niemand sonst in Europa« (497). Auch Polens Rolle erscheint in einem Licht, das mit seiner bis heute gepflegten Operrolle schwerlich vereinbar ist: Seine Großmachthybris verleitete es zu mehreren bewaffneten Angriffen auf deutsches Gebiet noch vor 1933 (!) und zur Ablehnung einer wechselseitigen Grenzgarantie, die Deutschland seit Oktober 1938 anbot und von Polen im März 1939 entgültig verworfen wurde. Polens zutiefst antideutsche Haltung drückte sich in der Dreierkoalition 1939 (mit Frankreich und England) aus, die weitreichende polnische Ansprüche in Aussicht stellte und sogar die polnische Judenpolitik deckte. Polen nahm denn auch, bevor die Westmächte zustimmten, d.h. ohne rechtliche Legitimation, kurzerhand Besitz von deutschen Ostgebieten, entpuppte sich damit zum größten Vertreiberstaat der Neuzeit (ohne Unrechtsbewußtsein bis heute), weil es den Schutz von Minderheiten offiziell als »Verrat« betrachtete. Die »Vertreibungs- und Ausrottungsphantasien« (499), die nach 1945 von Warschau bis Washington reichten, sind demnach mit der Rache am Nationalsozialismus allein nicht erklärbar. Auch England verstrickte sich, indem es Roosevelts Friedensinitiative ablehnte und deutsche »Friedensfühler‹ zurückwies. Die völkerrechtswidrige Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung, welcher hunderttausende Menschen zum Opfer fielen und Churchill zum Kriegsverbrecher im demokratischen Gewande werden ließ (vgl. den Beitrag in diesem WALTHARI-Portal), ist in diesem Kontext zu sehen. Zurecht stellt Scheil fest, daß auch die französische Regierung »in keiner Phase seit den zwanziger Jahren sich von ihrer Fixierung auf das deutsche Feindbild freizumachen« willens war (500). Wenn Churchill vom »zweiten dreißigjährigen Krieg« sprach, entlarvte er, von der Aussage in den ersten vierziger Jahren zurückgerechnet, den schon vor 1914 entfesselten Konfliktwillen der europäischen Nationalstaaten, die den Krieg durchaus ins Kalkül zogen. Deutschland spielte dabei unter dem Nationalsozialismus gewiß die unsäglichste Rolle, aber eben nur eine Rolle unter vielen. In der Tat: Die Geschichte um den Zweiten Weltkrieg wird man um der ganzen historischen Wahrheit willen in großen Teilen umschreiben müssen.
©Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer,  ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com