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Internetforum von Dr. Stefan Scheil

II. Rezensionen meiner Dissertation
"Die Entwicklung des politischen Antisemitismus in Deutschland
zwischen 1881 und 1912"

Hans Fenske in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 23.9.1999
Michael Dreyer in der "Zeitschrift für Politikwissenschaft" 4/1999
Helmut Neubach in "Das Historisch-Politische Buch" 4/1999
Ursula Hoffmann in "Das Parlament" vom 11.2.2000
Karlheinz Weissmann in "Die Tagespost" vom 4. März 2000
Merith Niehuss in der "Historischen Zeitschrift" August 2000
Lothar Mertens in "Sachor" 10/2000
Peter Pulzer in "German History" vol. 18, no. 2/2000

Prof. Joachim Scholtysek in: "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" 10/2003

Wolfgang Braunschädel im "Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit" Nr. 17/2003

Olaf Blaschke im "Archiv für Sozialgeschichte 40/2000:

"Wie wichtig waren die Antisemitenparteien in Deutschland? Und was sagen sie über Intensität und Charakter der deutschen Judenfeindschaft? Einerseits errang der seit den 1880er Jahren grassierende Radauantisemitismus bei der Reichstagswahl 1893 immerhin 3,4% aller Stimmen, andererseits setzte danach sein unaufhaltsamer Niedergang ein. Das ist längst gut untersucht. Die Klassiker stammen von Kurt Wawrzinek (1927), Paul W. Massing (1959) und Richard S. Levy (1974). Deshalb schrieb Shulamit Volkov schon 1978: "Der Verfall der antisemitischen Parlamentsparteien im deutschen Kaiserreich scheint heute ein erledigtes Thema zu sein. Es wird Zeit, dass Historiker sich anderen Aspekten des Problems zuwenden." Statt die "aufrichtigen" Antisemiten mit ihrer marginalen Weltanschauung zu verfolgen, müsste man den Antisemitismus als weit einflussreicheren "kulturellen Code" für generell antiemanzipatorische Gesinnungskulturen ernst nehmen.

Davon unbeeindruckt widmet Stefan Scheil seine in Karlsruhe angenommene Dissertation dem politischen Antisemitismus. Als Begründung führt er an, dass die antisemitische Bewegung mit rund drei Prozent Wählervoten in der Forschung bisher als "Randerscheinung aufgefasst" worden sei. Die zeitgenössische Einschätzung ihres Niedergangs habe die Forschung übernommen, dazu komme ein oft geringschätziges Urteil über die häufig zwielichtigen Antisemitenführer. Scheil kündigt an, dass er nun "neue Wege zu gehen beabsichtige" (S. 7, S. 13). Zur anderen Seite grenzt er sich im Vorwort gegen die Pauschalüberschätzung des Antisemitismus durch Daniel J. Goldhagen ab, ohne jedoch dessen These zu nennen.

Tatsächlich war Goldhagen jedes Mittel recht, "den" Deutschen (ohne Vergleich) einen spezifisch "eliminatorischen", einen Vernichtungsantisemitismus zuzuschreiben. Ohnehin hinterläßt die Lektüre seines Buches den Eindruck, bis auf Linksliberale und Sozialdemokraten seien alle Parteien letztlich Antisemitenparteien gewesen. "Bei den Reichstagswahlen 1893 errangen die Parteien die Mehrheit, die sich offen als antisemitisch bekannten", behauptet Goldhagen. Richtig ist, dass die Deutsch-konservative Partei, die soeben im Tivoli-Programm den Antisemitismus auf den Schild gehoben hatte, 72 von 397 Mandaten errang, die Antisemiten 16. Hinter ihnen verbargen sich diverse Gruppierungen, auf die Scheil sein Augenmerk richtet: Hofprediger Adolf Stoeckers Christlichsoziale Partei, die Deutschsoziale Partei, die der verschuldete ehemalige Offizier Max Liebermann v. Sonnenberg 1889 ins Leben rief, die Deutschsoziale Reformpartei, die seit 1894 mit Oswald Zimmermann den einzigen altkatholischen Antisemitenführer aufwies, die Antisemitische Volkspartei des Bibliothekars Otto Böckel, die 1893 Deutsche Reformpartei hieß, und der Deutsche Volksbund. Die frühen Parteien - Wilhelm Marrs 1879 gegründete Antisemitenliga und Ernst Henricis Soziale Reichspartei (1880 bis 1882) - waren zu kurzlebig, um reichsweit reüssieren zu können.. Einführend lichtet Scheil das Dickicht dieser koalierenden und konkurrierenden Gruppierungen und referiert das Verhältnis der Interessenverbände und der anderen Parteien zum Antisemitismus. Parteiunabhängige Antisemiten und Kandidaten des Bundes deutscher Landwirte werden, soweit sie sich als Antisemiten in das Wahlregister eintragen ließen, mitgezählt. Scheil konzentriert sich auf die Wahlkreise, in denen die Antisemiten Erfolge hatten oder nach 1890 wenigstens 15 % erreichten. Ihre relative Schwäche, so moniert er, würden Historiker allgemein aus der geringen Anzahl ihrer Abgeordneten ableiten. Doch die Gesetze des Mehrheitswahlrechts ließen diesen Schluß nur bedingt zu. Wenn Sie einen Kandidaten durchbrachten, mussten sie in diesem Wahlkreis auf über 50 % gekommen sein.

Auf dieser Ebene einmal genauer nach Wählerwanderungen und Konstellationsbedingungen (Stichwahl, Wahlkreistradition, Leitthema der Wahl) gefragt zu haben und dafür die Quelle des Statistischen Amtes ausgewertet zu haben, macht den Pfiff von Scheil Studie aus. Das ist jedoch auch ohne seine Unterstellung legitim, Historikern sei die Diskrepanz zwischen absolutem Stimmanteil und Abgeordnetenzahl unbekannt (S. 25). Jeder brauchbare Überblick über deutsche Geschichte erläutert dieses Problem, Thomas Nipperdey widmet dem Wahlsystem sogar ein eigenes Kapitel. Und wer hätte bei der Behandlungen der Sozialdemokratie je versäumt, darauf hinzuweisen, dass sie 1907 zwar rund 29 Stimmenprozent einfuhr, aber nur mit mageren 43 Reichstagsmandaten belohnt wurde, während das agrarisch orientierte Zentrum mit tristen 19 Prozent satt 105 Mandate eroberte? Ungeachtet enormer Bevölkerungsverschiebungen (Urbanisierung, Bevölkerungswachstum) hatte sich die Einteilung der 397 Wahlkreise seit 1871 geändert, die von 100.000 Einwohnern mit 20.000 Stimmberechtigten ausging. Der Perspektivwechsel auf die Wahlkreise demonstriere, sagt Scheil, dass bezüglich der Antisemiten "statt von einem Auf- und Abstieg" eher "von Kontinuität gesprochen werden" könne, "da sowohl die Zahl der antisemitischen Reichstagsabgeordneten als auch die Zahl ihrer Wähler und die politischen Bedingungen konstant blieben (S. 19). Mithin seien die antisemitischen Parteien, die ihre Wahlkreise gekonnt aussuchten, in ihnen nicht als Außenseiter wahrgenommen worden.

Um das zu prüfen, geht Scheil chronologisch (mit Kartenmaterial sowie reichhaltigen statistischen Tabellen) die neun Reichstagswahlen von 1881 bis zu den "Judenwahlen" 1912 durch. Sie zeigen, wie beliebt die Antisemiten mancherorts waren. Man vergisst das leicht: Im Wahlkreis Elsass-Lothringen 14 (Metz) errangen die bekennenden Antisemiten 1893 über 20 %, obwohl dort Katholiken zu über 79 % die Bevölkerungsmehrheit bildeten. Echte Triumphe feiereten sie indes nur in mehrheitlich protestantischen Regionen, weil sie die vom Zentrum abgedeckten katholischen Reviere von vorneherein mieden. Bei derselben Wahl gewannen sie in Frankfurt/Oder (Arnswalde u. Friedeberg) mehr als 60 %, in den Wahlkreisen Braunschweig, Arnsberg 1 (Siegen u. Wittgenstein) und Sachsen 3 (Bautzen, Kamenz) 1907 zwischen 50 und 60 %. In verschiednen Wahlkreisen Kassels schwankte ihr Erfolg mehrmals sogar zwischen 60 % und 76 %, alles noch vor den Stichwahlen. Das ist höchst beachtlich.  Dabei sind die antisemitisch auftretenden Deutschkonservativen und der Bund deutscher Landwirte noch nicht berücksichtigt. An den politischen und personellen Banden zwischen ihnen und den Antisemitenparteien weist Scheil nach, wie etabliert die Judenfeindschaft in den untersuchten Regionen war. Dabei erschreckt auch die Erinnerung daran, dass zuweilen die Nationalliberalen, aber auch das Zentrum bei

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dabei sind die antisemitisch auftretenden Deutschkonservativen und der Bund deutscher Landwirte noch nicht berücksichtigt. An den politischen und personellen Banden zwischen ihnen und den Antisemitenparteien weist Scheil nach, wie etabliert die Judenfeindschaft in den untersuchten Regionen war.

 

Dabei erschreckt auch die Erinnerung daran, dass zuweilen die Nationalliberalen, aber auch das Zentrum bei (7 von 9) Stichwahlen antisemitische Kandidaten unterstützten. Sogar die Linksliberalen entschieden sich in 12 Stichwahlen für, in 11 gegen den antisemitischen Kandidaten, wurden aber, wenn es gegen Sozialdemokraten ging, auch von den Antisemiten unterstützt. Außer dem Nachweis solcher Zusammenhänge ist dieser fleißigen Arbeit ein äußerst dienstbares als biographisches Verzeichnis aller sonst schwer aufspürbaren antisemitischen Kandidaten zu verdanken.

An der Niedergangsthese, die er eingangs so heftig kritisierte, kommt Scheil auf seinen "neuen Wegen" aber letztlich nicht vorbei. Das Image der Antisemitenparteien verfiel wie ihr Wahlerfolg, der nur "auf recht wenigen Stimmen" (S. 146) beruhte, da ihre ländlichen Wahlkreise relativ klein waren. Deshalb konstatiert Scheils Schlußsatz, dass "ein fortschreitender Machtverlust aller rechts stehenden Parteien und damit auch der antisemitischen Gruppen" zu beobachten sei (S. 271). Dieser Befund wäre noch bestätigt worden, wenn Scheil die Tatsache diskutiert hätte, dass sowohl die Zahl der Stimmberechtigten als auch obendrein die Wahlbeteiligung kräftig wuchs und gemessen daran keineswegs von einer "Kontinuität", sondern einem deutlichen Niedergang gesprochen werden müsste. 1898, als die Antisemiten den höchsten Stimmenanteil aufwiesen, lag die Wahlbeteiligung bei 67,8 % und stieg fortan kontinuierlich auf fast 85 % (1912) an. Die alte Rechung, wonach die Antisemiten 1893 3,6% der Stimmen enthielten, 1903 nur noch 2,5 %, 1907 noch einmal 3 %, bevor sie 1912 auf 2,4 % absackten, wird mithin durch die Wahlkreisanalyse nicht neutralisiert, sondern präzisiert. Was bleibt, ist die bestürzende Erkenntnis über die Verflechtung der bürgerlicher Parteien mit den Antisemiten und über deren regionale Höhenflüge.