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Internetforum von Dr. Stefan Scheil

V. Thesenpapiere zu: "Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs"

Das Unternehmen Barbarossa als Präventivkrieg (4)

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 "Ich erkenne die ideologischen Elemente in Hitlers Angriffsentscheidung nicht "nun" an, wie Sie schreiben, sondern hatte das bereits in meinem Eingangsbeitrag getan, wie Sie dann selbst hinzufügen. Immer wieder tauchen in Ihren Statements (und manchmal bei Herrn Benz, siehe meinen letzten Beitrag) solche kleinen Verdrehungen auf, die mir nicht zur sachlichen Diskussion beizutragen scheinen. Sie tun im weiteren erneut sehr ausführlich das, was zu unserer Diskussion nichts beitragen kann, denn sie nehmen die ideologischen und verbrecherischen Befehle des NS-Regimes als Beleg gegen die Präventivkriegsthese. Insofern geht erneut ein großer Teil Ihres Beitrags ins Leere, (eigentlich der ganze Punkt 3) denn die hier diskutierte Frage ist nicht, ob es ideologische Motive oder Verbrechen gegeben hat, sondern: "Warum 1941?"

Daß Sie in diesem Zusammenhang erneut ausgerechnet Ernst Noltes altbekannten Satz als Kronzeugen des Vernichtungskriegs bemühen, wundert mich sehr. Sie dürften wissen, daß Nolte einen Kausalnexus zwischen dem Stalinismus und dem Nationalsozialismus behauptet und sich nicht scheut, sowohl den Vernichtungskrieg als auch den Holocaust als eine so direkte Folge des Stalinismus zu bezeichnen, daß Deutsche im moralischen Sinn für beides gar nicht verantwortlich sind. Deshalb kann er auch so polemisch die Einzigartigkeit des deutschen Krieges in Rußland behaupten, da sie in seiner Sicht letzten Endes auf die UdSSR zurückfällt. Ich denke nicht, daß Sie sich dieser Position anschließen wollen.

Die Überlieferungen der Stalin-Rede sind in der Tat so umstritten, daß ein eigenes Diskussionsforum damit gefüllt werden könnte. Immerhin wird in allen Fällen deutlich, daß Stalin offensiv werden wollte, und zwar bald. Was die Verhörprotokolle betrifft, so gehen, glaube ich, vom Nürnberger-Prozeß über den Eichmann-Prozeß bis zum Tribunal in Den Haag alle Gerichte davon aus, daß solche exakten Erinnerungen an einzelne Äußerungen nach Jahren möglich sind, besonders wenn es um die Rede des Alleinherrschers geht, der von einem kommenden Krieg spricht. Da hören die Anwesenden denn doch schon mal genauer hin.

Ich kann Ihren Schluß nicht nachvollziehen, daß der Agentenbericht über den "Präventivkrieg", den Hitler geplant hat, nicht die deutsche Einschätzung der Lage wiedergibt. Es ist ein Bericht über die Stimmungslage der deutschen Führung. Er ist so gut, wie ihn der russische Geheimdienst eben machen konnte. Insofern ist es eine unabhängige Bestätigung, daß in Deutschland intern und schon vor Kriegsbeginn vom Präventivkrieg die Rede war. Nicht mehr und nicht weniger.

Den Generalstabsplänen der UdSSR vom September 1940 lagen KEINE "operativen Pläne eines möglichen Gegners Deutschland" zugrunde, wie Sie behaupten. Der Text stellt im Gegenteil ausdrücklich fest, daß operative Pläne des Gegners nicht bekannt seien (Ueberschär, Angriff, S. 166 ). Das muß auch allein schon deswegen so gewesen sein, weil es im September 1940 noch keine ausgearbeiteten deutschen operativen Pläne GAB. Wenn Schukow von einem deutschen Vorstoß nach Minsk schreibt, ist dies lediglich eine Spekulation, die ihm plausibel scheint.

Es bleibt im weiteren ihr Geheimnis, wie Sie zur Einschätzung kommen können, eine russische Militärplanung mit dem Ziel, in der "allerersten Phase des Krieges" quer durch Polen bis nach Oberschlesien und Böhmen vorzustoßen, sei "defensiv" und benötige keinen Erstschlag, sondern es reiche ein "Gegenschlag". Das ist so offensichtlich haltlos, daß ich dazu nichts mehr sagen möchte.

Wir sind uns in jedem Fall einig, daß Schukow den deutschen Angriff erwartet hat und deshalb am 15. Mai einen Offensivplan präsentiert hat. Das ist auch eindeutig belegt. Vielleicht habe ich die Schlußfolgerungen nicht deutlich genug gemacht, die sich daraus in Verbindung mit dem von Gorodetsky geschilderten Truppenverlegungen zwingend ergeben. Denn derselbe Schukow hat wenige Wochen später seinen Truppen befohlen, sich von den befestigten Verteidigungsstellungen zu "lösen" und sich "in unmittelbare Nähe der Grenze" zu begeben, wie Gabriel Gorodetsky schreibt. Dies kann militärisch nur EINEN EINZIGEN ZWECK gehabt haben: Schukow wollte seinen Plan vom 15. Mai ausführen. Andernfalls hätte er niemals den Befehl zum Verlassen der Verteidigungsstellungen und zum Vormarsch an die Grenze geben können, wo sie "quod erat demonstrandum" einem deutschen Angriff schutzlos ausgeliefert waren, von dem Schukow ja wie gesagt wußte, daß er bald kommen würde. Diese militärischen Maßnahmen Schukows geben nur in Verbindung mit einem unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff einen Sinn. Gorodetsky bestätigt damit eine der wichtigsten Behauptungen Viktor Suworows. Auch dafür gibt es eine weitere unabhängige Bestätigung in der Aussage des Generals Wlassow nach seiner Gefangennahme 1942, der davon gesprochen hat, es sei eine russische Großoffensive im Süden aus dem Raum Lemberg geplant gewesen, während die russischen Truppen im Raum Minsk einen eventuellen deutschen Gegenstoß auffangen sollten. (Vgl. Hillgruber, Hitlers Strategie, S. 437) Wlassows oft bezweifelte Aussage wird durch die Lektüre von Schukows Angriffsplan und die Truppenbewegungen voll bestätigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommen wir in diesem Zusammenhang zu etwas ganz neuem, nämlich zur Frage, wie Schukow zum sowjetischen Generalstabschef wurde und welche Grundsatzentscheidung sich dahinter versteckte. Er wurde ja erst Anfang 1941 ernannt, als er Merezkow ablöste. Auch hier findet sich Erstaunliches in dem Buch von Gorodetsky, das ich übrigens sehr schätze, weil es das Unternehmen Barbarossa in einen ganz konkreten, politsch-strategischen Zusammenhang mit der Entwicklung des Zweiten Weltkriegs auf dem Balkan und der deutsch-englisch-russischen Interaktion insgesamt stellt:

Was auch immer für militärische Planungen in der UdSSR im Jahr 1940 gegolten haben mögen, im Winter 1940/41 liebäugelte der russische Generalstab tatsächlich mit der von Ihnen apostrophierten Strategie des militärischen Gegenschlags. Nach der Rückkehr Molotows aus Berlin wurden mehrere entsprechende Kriegsspiele zur Klärung der Frage abgehalten, ob es denn möglich sei, einen deutschen Angriff abzuwehren und dann erst zur Offensive überzugehen. Das Ergebnis war eindeutig: Es war nicht möglich! (Gorodetsky, S. 173 f.)

Selbst wenn die von Ihnen behauptete Gegenschlagsstrategie also jemals hinter den Planungen vom September 1940 gestanden haben sollte, wofür m.E. nichts spricht, so wurde sie im Februar 1941 endgültig aufgegeben (!) und zwar zugunsten einer Offensivstrategie, deren Ausführung Stalin seinem besten Mann für entscheidende Offensiven anvertraute: Schukow. Gorodetsky schreibt ausdrücklich, daß diese Eigenschaft der Grund für Schukows Ernennung war! (Gorodetsky, S. 176) Schukow war bereits der Stratege des Überfalls auf die japanische Armee in der Mandschurei von 1939 gewesen, er wurde später der Sieger von Stalingrad und der Eroberer von Berlin. Er war der richtige Mann für den überraschenden Angriff auf Deutschland. Auch hier bestätigt Gorodetsky einen Zusammenhang, den zuvor m.W. nur Viktor Suworow hergestellt hatte.

Ob das von mir angeführte Hitler-Zitat "die Funktion einer nachträglichen Kriegslegitimation mit Hilfe eines subjektiv angenommenen aktuellen Kriegsanlasses" erfüllen sollte, oder ob es schlicht sagt, was Hitler 1941 wirklich gedacht hat, wäre noch zu entscheiden. Die Bormann-Diktate von 1945, aus denen das Zitat stammt, können nicht in einem allgemein nachvollziehbaren Sinn als apologetisch bezeichnet werden, da Hitler hier sogar Dinge wie seine Entscheidung über den Holocaust zugibt. Er verteidigt sich ja auch nicht deswegen, WEIL er Rußland angegriffen hat, sondern erklärt lediglich, warum er gerade 1941 angegriffen hat. Es gibt im übrigen aus den Jahren 1940-1945 sehr viele Zitate Hitlers bei den unterschiedlichsten Anlässen, die fast gleichlautend wie das von 1945 sind. Das betrifft die konkrete Entscheidung zum Angriff. Zudem aber stehen diese Zitate in Verbindung mit einer seit Anfang der dreißiger Jahre veränderten Wahrnehmung der UdSSR durch Hitler, denn diese Entscheidung hatte eine lange Vorgeschichte. Hier also ein zweiter neuer Punkt:

In "Mein Kampf" war Hitler davon ausgegangen, daß die UdSSR von selbst zusammenbrechen würde, da sie von Juden regiert sei und Juden nach seinem rassistischen Weltbild ja keinen Staat regieren konnten. Also werde sie sich von selbst auflösen, denn

"unmöglich ist es dem Juden, das mächtige Reich auf die Dauer zu erhalten. Er selbst ist kein Element der Organisation, sondern ein Ferment der Dekomposition. Das Riesenreich im Osten ist reif zum Zusammenbruch. Und das Ende der Judenherrschaft in Rußland wird auch das Ende Rußlands als Staat sein. Wir sind vom Schicksal ausersehen, Zeugen einer Katastrophe zu werden, die die gewaltigste Bestätigung für die Richtigkeit der völkischen Rassentheorie sein wird." (Mein Kampf, S. 743, nach der Ausgabe von 1932)

Wenn es hier noch nicht ganz eindeutig formuliert ist, ob dieser Zusammenbruch durch einen deutschen Angriff beschleunigt werden soll, so paraphrasiert er im "Zweiten Buch" diese Stelle und wird im Hinblick auf den zeitlichen Ablauf deutlicher:

"Was aber dann (d.h. nach dem Ende der "Judenherrschaft", S. Sch.) übrigbleibt, wird ein Rußland sein, von ebenso geringer staatlicher Macht wie tief eingewurzelter antideutscher Einstellung. Indem dieser Staat keine irgendwie mehr verankerte staatserhaltende Oberschichte (sic) besitzen wird, wird er zu einer Quelle ewiger Unruhe und ewiger Unsicherheit werden. ... Es ist ein Glück für die Zukunft, daß diese Entwicklung so stattgefunden hat, weil dadurch ein Bann gebrochen ist, der uns verhindert hätte, das Ziel der deutschen Außenpolitik dort zu suchen, wo es einzig und allein liegen kann: Raum im Osten." (Hitler, Zweites Buch, S. 158 f.)

Also soll die Lebensraumpolitik erst nach dem Ende UdSSR aufgenommen werden. Dies ändert sich nach dem Sieg Stalins über Trotzki, der in der NS-Bewegung als Personifikation der jüdischen Weltrevolution gegolten hatte und es ändert sich mit dem Beginn von Stalins Aufrüstungsprogramm im ersten Fünfjahresplan. Seitdem und besonders seit Mitte der dreißiger Jahre ist die UdSSR für Hitler niemals wieder der "Lebensraum" im Sinn von "Mein Kampf" oder dem "Zweiten Buch" gewesen, der zufällig gerade einem Zugriff offensteht. Statt dessen wird die UdSSR zu dem, was Hitlers Lebensraumprogramm ursprünglich aus Deutschland machen wollte: Eine hochgerüstete Militärmacht, ein Industriestaat, der selbst über alle Rohstoffe verfügt und sich noch dazu selbst ernähren kann.

Die "Denkschrift zum Vierjahresplan" von 1936 ist ein Ausdruck dieser neuen Sichtweise, ich hatte bereits in meiner letzten Stellungnahme darauf hingewiesen. Auch im "Hoßbach-Protokoll" von 1937 taucht die UdSSR nur im Hintergrund als eine überlegene Macht auf, deren Eingreifen in Europa unbedingt vermieden werden soll, während als Deutschlands "Lebensraum" für die absehbare Zukunft der nächsten zwanzig-dreißig Jahre ausdrücklich Mitteleuropa genannt wird, d.h. Deutschland + Österreich + Böhmen und Mähren. Dies war das Ziel, das Hitler im November 1937 als sein Programm und sein Testament (!) vorgestellt hat. Ich habe auf diese Entwicklung bereits an anderer Stelle hingewiesen. (in: Stefan Scheil: Logik der Mächte, S. 117-133: "Die Entwicklung in Hitlers außenpolitischen Zielen zwischen "Mein Kampf" und dem "Hoßbach-Protokoll").

Erst nachdem der Krieg mit der UdSSR in Hitlers Sicht aus militärischen Gründen unvermeidlich geworden war, was im Frühjahr 1940 bis in den Juni hinein noch nicht der Fall gewesen ist (vgl. z.B. auch seine Antwort an Mussolini vom März 1940: "Wenn aber der Bolschewismus sich zu einer russisch-nationalen Staatsideologie und Wirtschaftsidee entwickelt, dann stellt er eine Realität dar, gegen die zu kämpfen wir weder Interesse noch einen Anlaß besitzen." in: ADAP, D, VIII, Dok. 663) tauchen wieder die Gedanken daran auf, diesen Krieg im nationalsozialistischen Sinn zu führen, d.h. über die militärischen Aspekte eines Präventivkriegs weit hinauszugehen und auf den Erwerb von "Lebensraum" abzuzielen.

Abschließend eine Frage: Wir haben nun Beweise vorliegen für die skrupellose Machtpolitik Stalins, für die Überlegenheit der Roten Armee, für die Skrupellosigkeit der russischen Armeeführung insgesamt (von der im Gegensatz zur Wehrmachtsführung weder Attentatspläne gegen den Diktator noch Bedenken gegen Überfälle auf andere Länder geäußert wurden), für einen detaillierten russischen Angriffsplan, für die gezielte Ernennung eines Offensivspezialisten zum Oberbefehlshaber der Roten Armee und für Truppenbewegungen entsprechend dem Angriffsplan. Wir haben des weiteren Informationen darüber, daß sich Hitlers Perzeption der UdSSR seit "Mein Kampf" vollkommen gewandelt hat und daß er sie jetzt als militärische Großmacht betrachtete, daß er aber Ende Juni 1940 noch der Meinung war, der Kampf mit ihr sei für die nächsten Jahre zu vermeiden.

Wir haben des weiteren Dokumente darüber, daß er im Herbst und Winter 1940/41 bemüht war, einen Kontinentalblock unter Einschluß der UdSSR zustande zu bringen und sich erst nach dem Molotow-Besuch und den spektakulären russischen Forderungen vom November 1940 endgültig für den Angriff entschieden hat. Wir haben des weiteren vor und nach dem Kriegsbeginn mit der UdSSR viele Äußerungen von ihm aus verschiedenen voneinander unabhängigen Quellen, er sei zu einem Präventivkrieg gezwungen gewesen. Das ist eine ganze Menge und in dieser Zusammenstellung natürlich nur die Spitze eines Eisbergs, den wir in diesem Forum wohl kaum ausloten können. Ganz bewußt habe ich beispielsweise bisher darauf verzichtet, andere Literatur als Ueberschär, Bezymenskij, Gorodetsky oder Hillgruber oder die offizielle Aktenedition heranzuziehen. Da wir beide diese Literatur anerkennen, bietet sie wohl die naheliegende Diskussionsbasis. In dem ganzen Literaturkomplex, den Sie als "revisionistisch" bezeichnen würden, finden sich aber viele weitere Bestätigungen für die Präventivkriegsthese."

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