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Internetforum von Dr. Stefan Scheil

 

Auszug aus: "Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs":

"Falls die Rote Armee einmal nach Deutschland kommt": Vladimir Semjonov und die sowjetischenAngriffsvorbereitungen von 1940

"Die Führung der Roten Armee hatte nach einer Meldung vom 18. September den deutsch-russischen Krieg für unvermeidlich erklärt."

 

Für einen totalitären Eroberungskrieg zwischen modernen Industriegesellschaften ist nicht nur der Sachverstand von Diplomaten zuständig. Ein solcher Krieg erfordert umfassende Vorbereitungen auf das Kommende, denn die besiegte Macht soll ja nach den Vorstellungen des Siegers umfassend umgestaltet werden. Man will nicht nur militärisch siegen, sondern den Gegner auch um seine soziale, wirtschaftliche und politische Basis bringen. Dies ist ein Aspekt, der sich in den westalliierten Planungen für einen Sieg über Deutschland nachweisen läßt, aber auch in den deutschen Planungen zu einer Aufspaltung der UdSSR gefunden werden kann. Wenig überraschend ist daher, daß auf sowjetischer Seite frühzeitig mit den Überlegungen begonnen wurde, wie ein erobertes Zentraleuropa zu sowjetisieren sei.

In der sowjetischen Botschaft in Berlin war mit Vladimir Semjonov ein hochrangiger und erst im Sommer 1940 nach Deutschland geschickter Mitarbeiter damit beschäftigt, Pläne für die Sowjetisierung Deutschlands auszuarbeiten. Semjonov hatte Erfahrung mit sozialistischen Umwälzungen, denn er kam gerade aus Litauen, wo eben im Sommer 1940 mit seinem Zutun, nach langer Vorbereitung, eine "demokratische" Umgestaltung nach sowjetischer Art stattgefunden hatte. Das hieß dort wie überall sonst, daß unter anderem eine Einheitsliste mit "95,5 Prozent der Stimmen gewählt" worden war, die eine Diktatur einführte, eine Landreform vornahm und viele zehntausend Menschen zunächst einmal deportierte. Diese Methoden, die zunächst zu einer Art Enthauptung der seit 1919 entstandenen spärlichen litauischen Oberschicht führten, bis sie später nach dem Willen der Moskauer Zentrale in über weitere Deportationen und einer Russifizierung das Ende des ethnischen Litauen einleiten sollten, ließen neben den anderen vorliegenden Informationen in Berlin deutliche Zweifel an der Dauer des deutsch-russischen Nichtangriffspakt entstehen.

"Wir (d.h. Goebbels und Hitler, d. Verf.) sprechen über die baltischen Staaten, in denen die Russen ein Schreckensregiment entfalten. Aber brauchen kein Mitleid mit ihnen haben und ohne Intelligenz sind sie ungefährlicher für uns. Rußland wird uns doch immer fern bleiben. Wir stellen das auch an den Moskauer Wochenschauen fest. Wir müssen eine unübersteigliche Mauer zwischen Moskau und uns errichten. Der Bolschewismus ist doch der Weltfeind Nr. 1. Irgendwann werden wir doch einmal mit ihm zusammenprallen. Der Führer meint das auch."

Die weitere Entwicklung in den frisch sowjetisierten Ländern verstärkte diesen Eindruck noch:

"Die Russen hausen schauderhaft in Kowno. Alles, was etwas über den Durchschnitt herausragt, wird einen Kopf kleiner gemacht. Das ist der Bolschewismus, wovor wir unser Volk bewahren müssen." 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dann aber erreichte Semjonov mitten in diesem Geschehen ein Anruf des Außenministers und zu dieser Zeit höchsten sowjetischen Regierungsrepräsentanten Molotov persönlich, seine Arbeit in Litauen abzubrechen, denn es gebe dringenderes zu unternehmen. Diese dringendere Mission bestand in einer Reise nach Berlin, wo der amtierende Botschafter Shkvartzev aufgrund mangelnder Information und begrenzter Eignung die Politik nicht im Sinn Moskaus steuern konnte und von der Ankunft Semjonovs offenbar tief beunruhigt war. Semjonovs Verbindung zu Dekanozov und zum sowjetischen Geheimdienst dürfte ihm bekannt gewesen sein und Shkvartzevs besorgte Frage bei der ersten Begegnung, ob "jetzt Köpfe rollen" würden, bezog sich wohl nicht zuletzt und nicht zu unrecht auf seinen eigenen Kopf. Shkvartzev wurde tatsächlich bald abgelöst und Semjonov konnte seiner Aufgabe nachgehen, sich mit den inneren Verhältnissen Deutschlands zu beschäftigen. Er beobachtete die deutschen Vorbereitungen für einen Krieg, der "sowohl in Moskau wie auch in Berlin bereits für unvermeidlich gehalten" wurde. Er betrieb also Spionage, mit einem klaren langfristigen Ziel, denn wenn "die Sowjetarmee einmal nach Deutschland käme, müßten wir doch wissen, wie hier eine Bodenreform unter Berücksichtigung der Bodenverhältnisse in den verschiedenen Gebieten durchzuführen sei." Das war etwas, was auch in Litauen der sowjetischen Okkupation um Monate vorausgegangen war. Der Botschafter Shkvartzev war von diesen Plänen überrascht gewesen, aber Semjonov betonte in seinen Erinnerungen vielsagend, nicht allein solche Gedanken gehabt zu haben.

Statt Shkvartzev nahm Vladimir Dekanozov, den Molotov bei seinem Berlinbesuch im November 1940 mitbrachte, an den Verhandlungen teil. Er fungierte bald als neuer Botschafter in Berlin, womit ein erfolgreiches Team wieder komplett war, denn auch Dekanozov kam wie Semjonov aus dem frisch sowjetisierten Litauen. Bei diesem Vorgang hatte er sogar eine wichtige Rolle gespielt. Durch seine Ankunft verstärkte sich der Trend zu verdeckten Operationen in der Berliner Sowjetbotschaft beträchtlich. Ein bezeichnendes Signal in diese Richtung setzte es beispielsweise, wenn Dekanozov des Deutschen mächtig war, ohne dies seinen deutschen Gesprächspartnern in irgendeiner Weise mitzuteilen. Solche kleinen Vorteile zu nutzen, gehörte aus Moskauer Sicht offenbar zum neuen Stil zwischen beiden Staaten. Dekanozov war, da dem NKWD-Chef Berija unmittelbar unterstellt, zweifellos besser eingeweiht als sein Vorgänger und behielt außerdem auch als Botschafter seine weitere Funktion als stellvertretender sowjetischer Außenminister bei. Mit ihm kam jemand nach Berlin, der mit den Vorgängen und Absichten des Kremlchefs in großem Umfang vertraut war. So kommt seinen Äußerungen gegenüber dem litauischen Ministerpräsidenten und Außenminister Kreve-Mickevičius - den Dekanozov selbst eingesetzt hatte - eine hohe Bedeutung zu. Kreve-Mickevičius warf ihm vor, mit seinem Vorgehen in Litauen nur die alte großrussische Politik zu betreiben. Dekanozov verteidigte sich, indem er die Weltrevolution als angebliches Ziel in den Vordergrund schob:

 

"Das 'einige und unteilbare Rußland' geht uns überhaupt nichts an, wohl aber die gesamte Menschheit, das Proletariat der ganzen Welt. Wir müssen alle Welt unter der roten Fahne vereinigen, und wir werden dies tun. Der Zweite Weltkrieg wird ganz Europa in unseren Schoß fallen lassen, wie eine reife Frucht. Und der Dritte Weltkrieg, der nicht zu vermeiden ist, wird uns den Sieg in der ganzen Welt bescheren."

Wie dies nun genau geschehen sollte, darüber waren sich die Sowjets nicht wirklich im klaren. Dekanozovs Mitarbeiter Vasiljev erklärte gleichzeitig:

"Zur Zeit haben wir nur zwei echte Feinde: Deutschland und Japan. Aber die Deutschen werden ohne unser Zutun verprügelt und erobert werden, und auch Japan wird geschlagen."

Es blieb die Frage unbeantwortet, wer die Deutschen verprügeln und ihr Land erobern sollte, wenn nicht die Rote Armee. Frankreich war zum Zeitpunkt der Äußerung (3. Juli 1940) bereits geschlagen, hatte einen Waffenstillstand unterschrieben und "wird sich als Militärmacht nie mehr erheben". Andererseits war man sich in Moskau sicher, die USA vom Kriegseintritt entweder ganz abhalten oder ihn auf subversive Weise unwirksam machen zu können. Molotov hatte das am Tag vorher so formuliert:

"Uns ist gut bekannt, daß die Vereinigten Staaten ihren Kriegseintritt betreiben, aber wir sind im Zweifel, ob es uns gelingen wird, sie davon abzuhalten. Dies soll aber am wenigsten unsere Sorge sein. ... Wir werden schon Mittel und Wege finden, um die amerikanische Führung zu Fehlentscheidungen zu bringen, die für uns von Vorteil sind. Daher sind wir über den Kriegseintritt Amerikas keineswegs besorgt. Alle diejenigen, die Amerika allzusehr vertrauen, werden enttäuscht sein."

Vassiljew bestätigte dies unabhängig davon einen Tag später, ohne vom dabeisitzenden Dekanozov Widerspruch zu ernten und zeigte sich wesentlich optimistischer über die Aussichten bolschewistischer Subversion in den USA:

"Wir haben kein Verlangen mit Amerika Krieg zu führen. Sollte dort aber irgendjemand davon träumen, gegen uns in den Krieg zu ziehen, wir werden dies zu verhindern wissen. Wenn aber die Zeit gekommen ist, werden wir auch diese Nation mit den Händen ihrer eigenen Bürger vernichten ..."

Wenn aber nun Frankreich bereits geschlagen war und die USA in den Gedankengängen der Moskauer Politstrategen keine Rolle spielten, wer sollte dann "die Deutschen verprügeln und erobern"? Die Briten wohl kaum, denn:

"Was die Briten anbelangt, so sind diese weder heute noch irgendwann fähig, gegen uns zu kämpfen. Deutschland allein könnte uns Kummer bereiten, aber es wird aus eigenem Antrieb in unsere Arme sinken und zertreten werden."

Daran war soviel richtig, daß man im britischen Außenministerium die Sowjetisierung Europas sogar eher in Kauf nahm als eine deutsche Hegemonie und sie als kleinere Gefahr betrachtete:

"Ein kommunistisches Europa würde wahrscheinlich eine kurzlebige Struktur annehmen, die sich leicht aufbrechen lassen würde, einen englischen Sieg vorausgesetzt.

In Moskau wurde dennoch auf ein solches Ziel gesetzt, dies war nicht unbekannt. Diese möglichen Folgen eines bewaffneten Vorgehens gegen Deutschland zeichneten sich früh ab, und ließen Harold Nicolson bereits kurz nach der Rheinlandbesetzung über die Folgen eines Kriegs gegen Deutschland sinnieren:

"Natürlich werden wir ihn gewinnen und in Berlin einziehen. Aber was nützt uns das? Es würde nur den Kommunismus in Deutschland und Frankreich bedeuten, und deshalb sind die Russen so scharf darauf."