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Internetforum von Dr. Stefan Scheil

Aus der Einleitung meiner Dissertation zum politischen Antisemitismus der wilhelminischen Zeit:

"Die Jahre nach 1893 und besonders nach der Jahrhundertwende gelten allgemein als Zeiten des Niedergangs für die antisemitische Bewegung im wilhelminischen Deutschland. Bereits zeitgenössische Beobachter, auch aus der antisemitischen Szene selbst, sahen dies so, und die Forschung hat dieses Urteil weitgehend übernommen oder bestätigt. Ein insgesamt ziemlich geringschätziges Urteil über die menschlichen Qualitäten der Antisemiten des Kaiserreichs rundet nicht selten das Bild ab.

Dieser Meinung lag nicht zuletzt ein Vergleich der antisemitischen Gruppierungen des Kaiserreichs mit der NSDAP zugrunde. Unter dem Eindruck des Dritten Reiches mußten die politischen Erfolge der Christlichsozialen Partei Adolf Stöckers, der Deutschsozialen Partei, der Deutschen Reformpartei und der "wilden" Antisemiten des Kaiserreichs trotz der vermuteten Vorläuferrolle zwangsläufig marginal wirken. Das zweite Kaiserreich bot ihnen für einen wirklich verändernden Einfluß offenbar keine Gelegenheit, denn es war trotz aller inneren Konflikte durch soziale Spannungen und eine anachronistische Verfassung ein zu starker Staat, um durch innenpolitische Entwicklungen radikale Veränderungen zu erfahren. Dies galt nicht nur für die Radikalen von rechts, sondern auch für andere politische Kräfte wie die jederzeit wesentlich bedeutendere Sozialdemokratie, die erst nach der Schwächung des Reichs durch die Niederlage des Weltkriegs zur Regierungspartei wurde.

Es ist nun eines der Ziele dieser Arbeit, den Einfluß des wilhelminischen Verfassungs- und Regierungssystems auf die politische Entwicklung des Antisemitismus im Kaiserreich zu untersuchen. Im Rahmen dieser Untersuchung soll unter anderem ergründet werden, ob die Rolle der Antisemiten als politische und moralische Außenseiter überhaupt in dieser Form bestand. Andere Erklärungsmöglichkeiten für den Umfang und die letztendlich regionale Begrenztheit ihrer Erfolge könnten beispielsweise auch im Einfluß des herrschenden Wahlsystems zu suchen sein, denn die kulturellen und sozialen Faktoren, die neben der politischen Überzeugung der Wähler eine Wahlentscheidung beeinflussen können, mußten dies seit 1871 in den einzelnen Wahlkreisen unter sehr verschiedenen Bedingungen tun. So konnte sich in den Kreisen trotz des Drucks der Reichspolitik in gewissem Maß eine eigenständige politische Tradition ausbilden, zusätzlich dadurch begünstigt, daß im deutschen Reich nach absolutem Mehrheitswahlrecht zu wählen war, wobei gegebenenfalls in einer Stichwahl der Inhaber der absoluten Mehrheit ermittelt wurde. Das war ein recht originelles Verfahren und obwohl es im europäischen Ausland nur wenige Vergleichsmöglichkeiten gibt, deutet vieles darauf hin, daß unter den Verhältnissen dieses Wahlrechts eine Zersplitterung des Parteiensystems begünstigt wird. Da das deutsche Parteiensystem nun ohnehin seit seiner Entstehung sehr heterogen gegliedert war, kam dieser Effekt voll zum Tragen."