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Internetforum von Dr. Stefan Scheil

 

Aus dem Schlußkapitel meiner Studie "Fünf plus Zwei - die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs":

"Unmittelbarer Anlaß für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war der deutsch-polnische Konflikt, der seit 1918 vor sich hin schwelte, Anfangs der zwanziger Jahre mehrfach zu bewaffneten polnischen Angriffen auf deutsches Gebiet geführt hatte und schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten erneut zu einem heißen Krieg zu eskalieren drohte. Hatte sich hier nach dem deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 zunächst eine Entspannung ergeben, die in der partiellen Zusammenarbeit beider Länder in den beiden Krisen des Jahres 1938 ihren Höhepunkt erreichte, so erwies sich die Spannung zwischen Polens Ambitionen als Großmacht und den Ansprüchen seiner politischen Elite auf weite Teile Deutschlands einerseits, seinen inneren Widersprüchen und dem zu geringen Respekt, den das Land auf der internationalen Bühne genoß andererseits, als unüberwindbares Hindernis für ein bilaterales Abkommen mit einem seiner beiden großen Nachbarn. Die polnische Regierung lehnte die von Deutschland seit Oktober 1938 angebotene wechselseitige Grenzgarantie im März 1939 endgültig ab. Sie ging statt dessen mit den Westmächten jene Dreierkoalition mit ausschließlich antideutscher Vertragsbindung ein, von der sie sich eine Erfüllung ihrer weitreichenden Ansprüche versprach, die sich neben einer Fortschreibung der antideutschen Politik auch auf Kreditgewährung, westliche Zugeständnisse in den Kolonialfragen und bei der polnischen Judenpolitik erstreckten.

Was im Frieden nicht gelungen war, konnte auch nach Beginn des deutsch-polnischen Konflikts nicht erreicht werden. Nachdem sie mit ihrem Widerstand schon das demokratische Großdeutschland nach 1919 zum "Ordnungsmodell ohne Chance" gemacht hatten, ließen es das imperiale Selbstverständnis, die verletzte Eitelkeit und die schwankende Entscheidungsfindung der Westmächte nicht zu, den Krieg beizeiten zu beenden. Deutschland schien allzu leicht besiegt werden zu können. Die Westmächte, die zusammen etwa vierzig Prozent der Erdoberfläche direkt kontrollierten und damit mehr als je zuvor, schwelgten in strategischen Optionen für eine Ausweitung des Krieges, die viel zu einfach zu verwirklichen zu sein schienen, als daß ein rechtzeitiger Kompromiß mit Deutschland überhaupt in Betracht gezogen worden wäre. So wurden von ihnen nach Kriegsbeginn niemals die konkreten Forderungen an Deutschland gestellt oder die Normen formuliert, die für ein internationales "general settlement" erforderlich gewesen wären. Das war auch schon zu Friedenszeiten unterblieben. Es war diese Denkweise in nationalen, rein egoistischen Kategorien, die eine stabile Friedensordnung am Ende unmöglich machte. Sie zeigte sich während der Reise von Sumner Welles, bei der Ablehnung von Franklin Roosevelts Friedensinitiative durch die englische Regierung und bei der Zurückweisung der verschiedenen deutschen Friedensfühler ganz deutlich. Es war den europäischen Staaten unmöglich, sich wenigstens im Sicherheitsbereich auf gemeinsame Normen zu verständigen. Insbesondere den französischen und englischen Regierungen gelang es zudem in keiner Phase seit den zwanziger Jahren, sich von ihrer Fixierung auf das deutsche Feindbild freizumachen. Als Motiv für diese Entscheidungen spielte das nationalsozialistische Regierungssystem nicht die entscheidende Rolle. Der Eindruck politischer Kontinuität überwog die aktuelle Kritik an der deutschen Politik. Vor diesem Hintergrund umschrieb Winston Churchills Wort vom "zweiten dreißigjährigen Krieg" gegen Deutschland die Motive der westlichen Eliten für den kompromißlosen Krieg sehr treffend."

 

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