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Internetforum von Dr. Stefan Scheil

Zur Neuauflage der Wehrmachtsausstellung des
Hamburger Instituts für Sozialforschung

Zuerst veröffentlicht in der "Jungen Freiheit" im Februar 2004:

"Spät kommen sie. Ob sie die historische Wahrheit noch retten können, muß bezweifelt werden. Kurz vor Toresschluß der Wehrmachtsausstellung hat das Münchener Institut für Zeitgeschichte in seiner Hauszeitschrift, den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte, endlich deutliche Worte für Jan Philipp Reemtsmas Dauerprojekt gefunden. Ja, so schreibt Christian Hartmann, der Leiter des hauseigenen Projekts "Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur": die Aussteller wollten eben doch von Anfang an ein ungerechtfertigtes Pauschalurteil über die Wehrmacht fällen. Es sollte absichtlich das falsche Bild einer verbrecherischen Wehrmacht entstehen, fährt er fort. Die Aussteller haben diese Absicht zwar "wortreich abgestritten", dabei aber die Unwahrheit gesagt, läßt er durch die Blume wissen. Sie gingen "infam" gegen Zeitzeugen wie Altkanzler Schmidt vor. Sie ignorierten bewußt, daß die Hauptaufgabe der Wehrmacht und ihrer Soldaten das Führen von Kampfhandlungen während des größten Landkriegs aller Zeiten war und daher die von den Ausstellern selbst kolportierte Zahl von achtzig Prozent "Tätern" immer offenbarer Unsinn bleiben mußte.

Hartmann nimmt sich einigen Raum, um diese Sätze zu illustrieren. Fünfundsiebzig Druckseiten sind es geworden, auf denen er eine Bilanz versucht, ob sich die Wehrmacht als verbrecherisch bezeichnen läßt und dies am Ende klar verneint. Dabei gibt er trotzdem nur teilweise eine Antwort auf die Ausstellungspräsentation. Was dort an Polemik und Fehlern vorhanden ist, das streift Hartmann vorwiegend nur, beschweigt es ansonsten meistens höflich. Im Kern ist sein Aufsatz ein Versuch, die Rolle der Wehrmacht im NS-Staat und bei der Vorbereitung des Angriffs auf die UdSSR allgemein zu bestimmen. Sein selbstkritischer Rückblick auf den Umgang der deutschen Historiker mit der Wehrmachtsausstellung bleibt dagegen leider nur im ungefähren.

Wenn es in einer Forschungslandschaft wie der deutschen zwei osteuropäischen Nachwuchshistorikern und einem deutschen Außenseiter vorbehalten blieb, jene Entwicklung anzustoßen, die damals zu einem raschen Ende der alten Ausstellung führten, dann muß das viele Fragen aufwerfen, schreibt Hartmann. Er selbst stellt jedoch keine dieser Fragen, vielleicht auch, weil die Antworten peinlich werden könnten. Nicht nur hat es viel zu lange gedauert, bis das Institut für Zeitgeschichte eine Antwort gibt, auch die Art dieser Stellungnahme spricht trotz der lobenswerten Teile immer noch Bände.

Trotz aller Kritik an der Ausstellung arbeitet Hartmann zu sehr im sekundären Bereich der Branche. Zitierwürdig sind ihm zudem oft nur die Arbeiten der Protagonisten der Wehrmachtsausstellung selbst. Auch interessieren ihn die konkreten Fälle, in denen die Wehrmachtsausstellung falsche Verbrechensvorwürfe gegen einzelne Einheiten und Personen erhoben hat, so wenig wie das generelle Problem einer "Ausstellung" als Medium zur Vorweisung angeblicher Tatsachen gegenüber hilflosen Schülern. Christian Ungváry hat zu Recht festgestellt, er kenne diese Art der Indoktrination noch aus dem realsozialistischen Ungarn. Was dann durch wenig kompetente Führungen unter dem Motto "Schüler unterrichten Schüler" an Geschichtsklitterei verbreitet wurde, übertraf die Fehler der Ausstellungstexte noch bei weitem. Da wurden die Einsatzgruppen des SS-Sicherheitsdienstes, denen der Mord an Juden befohlen worden war, umstandslos mit der Wehrmacht in einen Topf geworden. "Das hat mal die Wehrmacht gemacht, mal die SS", hieß es ebenso salopp wie falsch.

Wenn Hartmann darauf nicht eingeht, dann ist dies ebenso ein Symptom für die Probleme der deutschen Historiker mit der politisierten polemischen Attacke seitens des Reemtsma-Instituts, wie es den plötzlichen Erfolg der drei Außenseiter Ungváry, Musial und Schmidt-Neuhaus erklärt, die im Spätjahr 1999 die erste Ausstellung zum Kippen brachten. Die gingen eben hin und sahen sich Bilder genau an, verglichen Perspektiven, wunderten sich über offensichtlich manipulierte Bildstrecken, deckten gefälschte Zitate auf, wiesen auf dubiose Dokumente hin, interessierten sich für abweichende Stahlhelmformen, die genaue Bedeutung von Achselstücken und vieles andere sonst. Das ist nicht mehr der Stil akademischer Zeitgeschichte im Deutschland der "sekundären Welt" (Botho Strauß), der es in erster Linie die gelungene Inszenierung geht, zur Not auch gegen die Fakten.

Zu spät kommt daher diese Form der Kritik. Das mediale Establishment feiert sich inzwischen längst selbst. Es hat den durch drei Außenseiter bewirkten, versehentlichen Durchbruch von Realität in die inszenierte Geschichtsbewältigung mittlerweile weitgehend kompensieren können. "Notwahrheiten" seien es, die in der Ausstellung präsentiert wurden, war in der FAZ ausgerechnet unter Berufung auf Friedrich Nietzsche zu lesen. Wenn sich dahinter auch manche "Notlüge" verstecken sollte, so sei der geschichtspolitische Nutzen für einen "europäischen Fundamentalkonsens über die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs" doch nicht anders zu haben. Das wäre ein Konsens, der demnach auf einer erfundenen Kollektivschuld "der anderen Deutschen, denen von früher" basieren soll. Der Rest Europas wird dies sicher mit Mißtrauen zu Kenntnis nehmen, denn Deutschlands Verhältnis zu Europa wird kaum stabil sein können, wenn es in den Augen der deutschen Elite nur durch Vergangenheitsmanipulation zustande kommen kann.

Es sei schön, doch immer "Recht gehabt" zu haben, attestierte sich Jan Philipp Reemtsma bei der letzten Ausstellungseröffnung in Hamburg selbst und die großen Gazetten wie die Rundfunkanstalten assistierten ihm dabei. Man möchte fast vergessen, daß da mal ein Skandal war. Auch dieses Vergessen wurde sorgfältig inszeniert. Die neue Ausstellung hat nicht versäumt, sich selbst in einem eigenen Abschnitt zu attestieren, daß auch die alte Ausstellung eigentlich makellos gewesen sei. Dieses Konzept der ungeschminkten Selbstbeweihräucherung scheint bisher aufgegangen zu sein. Damit wäre der Zweck der zweiten Ausstellung erfüllt. Christian Hartmann bringt an diesem Punkt moralische Bedenken in die Diskussion ein und stellt im Schlußsatz die vorsichtige Frage, ob es wirklich ein Erfolg des Hamburger Instituts gewesen sei, sich mit solchen Methoden durchzusetzen. Wenn es letztlich gelingen sollte, muß man dies bejahen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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