Kostenlose Counter von Counterstation

Startseite

Übersicht

Bestellungen

Impressum

SYMPOSION.ORG

Internetforum von Dr. Stefan Scheil

In der Werkstatt der Geschichtsfälschung?

Ein Kommentar zur Ausstellung "Größte Härte" des Deutschen Historischen Instituts Warschau über "Verbrechen der Wehrmacht in Polen"

 

Die Debatte um angebliche Verbrechen der Wehrmacht forderte in den letzten Jahren manche Verluste. Zu den weniger beachteten Verlierern zählte dabei das polnische Selbstwertgefühl. Wenn schon vom "Vernichtungskrieg" der deutschen Wehrmacht die Rede sein sollte, dann gab es aus der Perspektive Warschauer Geschichtspolitik keinen Weg daran vorbei, daß Polen selbst zeitlich wie qualitativ die Rolle als das erste Opfer dieses Krieges gebührte. Da das Reemtsmasche Institut für Sozialforschung aber trotz energischen Interventionsversuchen nicht bereit war, ein polnisches Kapitel in seine "Wehrmachtsausstellungen" mit aufzunehmen, entschloß man sich in Warschau, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen. In Zusammenarbeit zwischen dem polnischen Institut des Nationalen Gedenkens und dem Deutschen Historischen Institut in Warschau konzipiert und unter ausdrücklichem Hinweis, man wolle Jan Philipp Reemtsmas versäumte Anklagen nachholen, zieht nun also eine weitere Wehrmachtsausstellung ihre Kreise in Deutschland.

In Warschau fand die erste Präsentation der Ausstellung statt. Die in Deutschland präsentierte Variante ist wie der Katalog vorwiegend eine Übersetzung aus dem polnischen. Das hat für den deutschen Besucher den Vorteil, nun einmal aus erster Hand zu erfahren, mit welchen Mitteln die polnische Öffentlichkeit auf ein Geschichtsbild fixiert wird, das Polen nur als schuldloses Opfer und seinen westlichen Nachbarn als perfiden Aggressor kennt. Der Befund ist erschreckend und zeigt, daß derzeit ein objektives Bild der Dinge weiter entfernt ist denn je. Er illustriert aber auch, wie der in Deutschland übliche Journalismus diesen Mißstand stets forciert und zudem willige Historiker deutsches Steuergeld einsetzen, um einer derartigen Schimäre den Anschein wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit zu verleihen. Das Deutsche Historische Institut in Warschau, ohnehin gerade vom Bundesrechnungshof beschuldigt, Millionen Euro für den Luxus der eigenen Residenz verschwendet zu haben, griff auch inhaltlich zu großer Münze.

An starken Abschuldigungen fehlt es daher nicht. "Völkermord" einzelner Einheiten steht im Raum. Es wird der Eindruck erweckt, als sei ernsthaft die dauerhafte Internierung aller wehrfähigen polnischen Männer geplant gewesen. Massenhafte Erschießungen polnischer Kriegsgefangener werden behauptet. Von Terror gegen polnische Zivilisten ist die Rede. Als Beleg dafür wird unter anderem ein deutsches Flugblatt vorgewiesen, auf dem jedem Zivilisten die Erschießung angedroht wurde, wenn bei ihm eine Waffe gefunden werde. Dies gibt ein erstes gutes Beispiel der angewandten Methoden. Dieses Flugblatt hat es gegeben. Ihm liegt ein Befehl zugrunde, der im Bundesarchiv eingesehen werden kann und der den Text vorgibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nur enthält dieser Text, wie dort jeder lesen kann, einen geheimen Nachsatz an die Truppe. In ihm wird ausdrücklich befohlen, daß natürlich niemand zu erschießen sei, nur weil bei ihm eine Waffe gefunden werde. Lediglich diejenigen, die illegal 'in flagranti' mit der Waffe in der Hand und bei deren Gebrauch bzw. der nachweislichen Absicht dazu ertappt werden, seien vor ein Kriegsgericht zu stellen und nach Ermittlung dieser Fakten zum Tode zu verurteilen. Dies entsprach dem damals gültigen Kriegsrecht, der offizielle Text erweist sich dagegen als Bluff zur Einschüchterung der Bevölkerung.

Deutsch-polnische Affären des Jahres 1939 kommen ohne das Stichwort Bromberg nicht aus. Nach den heftigen Anklagen der deutschen Presse wegen des Bromberger Blutsonntags versuchte die Republik Polen in der Nachkriegszeit alles, um Bromberg im Gegenzug als Stichwort für deutsche Verbrechen zu besetzen. Die Ausstellung folgt diesem Trend leider. Der polnische Ausstellungstext erneuerte an dieser Stelle das Gerücht von deutschen "Diversanten", also einer Fünften Kolonne, die in Bromberg Unruhe gestiftet hätte. Eine Zahl der deutschen Opfer am Ort war in der polnischen Version der Ausstellung nicht genannt, die gleichzeitigen Tötungen abertausender Deutscher in vielen anderen Orten Polens blieben völlig ausgeblendet.

Das konnte für die Präsentation in Deutschland so doch nicht stehenbleiben. Aus den "Diversanten" wurden daher, neutraler formuliert, "Angehörige der deutschen Minderheit". Zudem entschloß sich die Ausstellungsleitung, eine kleine Zahl deutscher Opfer wenigstens in Bromberg selbst anzugeben. Im Katalog steht nun "ein- bis dreihundert", so daß wenigstens hier ein gewisser Lernprozeß stattgefunden hat. Was den von der polnischen Regierung zentral geplanten Terror gegen die Deutschen in Polen angeht, so bleibt er weiterhin ebenso unerwähnt wie die Tatsache, daß der geplante polnische "Marsch auf Berlin" keine Erfindung der nationalsozialistischen Propaganda, sondern die erklärte Absicht polnische Regierungsvertreter war.

Statt dessen wird von systematischem Luftkriegsterror der deutschen Luftwaffe gesprochen. Obwohl 1939 die in Polen versammelten Militärattachés der Kriegsgegner und der mit Argusaugen beobachtende amerikanische Botschafter einräumten, der deutsche Luftkrieg habe militärische Ziele erfolgt, was auch der Schlüssel zum schnellen Erfolg des Feldzugs gewesen sei, will es die Ausstellung nun anders wissen. Die Luftwaffe gerät zum Terrorinstrument. Dabei wird mit dem Angriff auf die zentralpolnische Kleinstadt Frampol eine Geschichte aus den Tagen des Kalten Krieges wieder aufgegriffen, mit dem Angriff auf Wielun dagegen eine Legende, die erst in den letzten Jahren Furore gemacht hat.

Obwohl ausgewiesene Experten der Luftkriegsgeschichte wie Horst Boog den Vorwurf eines deutschen Terrorangriffs auf Wielun mit akademischer Zurückhaltung, aber deutlichen Worten widerlegt hatten, tauchte dieser in der Debatte über Jörg Friedrich als moralische Rechtfertigung für den alliierten Bombenterror gegen Deutschland wieder auf. Die Geschichte vom "polnischen Guernica" erreichte dabei den Politjournalismus des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und den des Hamburger Wochenblatts "Die Zeit". Wer bei den deutschen Historikern in Warschau anfragte, warum trotz schwerwiegender fachlicher Einwände diese Geschichte präsentiert werde, bekam als Antwort lediglich Zweifel an Horst Boogs Seriosität zu hören und einen Verweis auf eben den Artikel in der "Zeit".

Joachim Trenkner, der Verfasser dieses Artikels, bezichtigte die Luftwaffe nebenbei der Fälschung des eigenen Kriegstagebuchs, weil ihm offenbar unbekannt war, daß in Polen am 1.9.39 eine andere Uhrzeit galt als in Deutschland. Er behauptete ebenso wie die Aussteller, dort habe es seit Monaten keine polnischen Truppen mehr gegeben. Die Quellenlage, nach der Wielun aus militärischen Gründen angegriffen wurde, könnte jedoch eindeutiger kaum sein. Zahlreiche Meldungen von polnischen Truppenbewegungen in der Stadt sind von Ende August 1939 erhalten. Daher wurde sie ein Angriffsziel, wenn auch kein erstrangiges. Lediglich "verbliebene schwache Kräfte" wurden auf die Stadt angesetzt, weil "dort eine polnische Division liegen" würde. Gemeint war die 28. Infanteriedivision. Der kommandierende Offizier von Richthofen machte sich zwei Tage nach dem Angriff selbst ein Bild. Er notierte "keine besondere Angriffswirkung", zweifelte allerdings im nachhinein an, daß wirklich wie gemeldet eine komplette polnische Division in der Stadt gewesen sei. Ungeachtet seiner Kenntnis dieser Quellen und trotz ausdrücklicher Hinweise auf deren Inhalt transportiert das Deutsche Historische Institut die Legende vom unmotivierten Terrorangriff auf Zivilisten.

Sorglos wiedergegeben, zum Teil sogar verschärft, werden mehrere Anklagen, die aus dem Kalten Krieg stammen. Auf einer anonymen Anschuldigung basiert etwa die aus den 1950er Jahren stammende Behauptung des Konsulats der Volksrepublik Polen, es seien als größtes deutsches Einzelkriegsverbrechen bei Ciepielow dreihundert polnische Kriegsgefangene erschossen worden. Ein unabhängiger Beleg dafür hat sich niemals finden lassen, ein Gerichtsverfahren kam 1971 außerdem ausdrücklich zum Ergebnis, die polnischen Toten am Ort seien während eines Feuergefechts gefallen.

Bevor Wielun als "polnisches Guernica" ausgesucht wurde, hatte einmal Frampol diese Rolle zu spielen. Die Ostberliner Zeitschrift "Freie Welt" behauptete 1965, dort hätte ein Experimentalangriff der Luftwaffe zum Testen von Bomben stattgefunden. Ein militärischer Anlaß sei nicht erkennbar gewesen, so das Blatt, obwohl die "Freie Welt" immerhin ehrlicherweise zugab, der Angriff habe stattgefunden als die Stadt im Frontgebiet lag. Auch dies ist völlig eindeutig. Wie im Fall Wielun sind zudem für Frampol zahlreiche Meldungen über polnische Truppenbewegungen für die fraglichen Tage erhalten. Wie für Wielun verleugnet der Ausstellungstext dies auch für Frampol. Mit keinem Wort werden die Truppenpräsenz oder die Frontlage der Stadt erwähnt, als sie am 13. September 1939 angegriffen wurde.

So nimmt man diese Veranstaltung und ihre Dokumentation mit dem Gefühl zur Kenntnis, einen Blick in eine Werkstatt staatlich geförderter Geschichtsfälschung getan zu haben. Ob sich ohne entsprechenden Willen in einer vergleichsweise überschaubaren Veranstaltung eine derartige Zahl an Fehlern und fragwürdiger Polemik einbauen ließe, muß angesichts der vorhandenen Sachkenntnis der Verantwortlichen bezweifelt werden. Dies ist eine bedauerliche Entwicklung.